Generation Isolation

In meiner TL ist Winter. Bei mir auch. Das zwingt zum denken. Und zum beobachten.
Beides will ich hier mal tun.

 

Wir sind eine Generation zwischen Isolation und bedingungsloser Solidarität. Wir denken an Heimat, und fast alle von uns merken, dass wir keine haben.

 

„Ich überlege seit längerem, was Heimat für mich ist, und glaube, dass ich mittlerweile nirgends mehr zuhause bin.“

— Welle Steak (@wellenart) 29. November 2014

 

Wir denken an Familien.
Wir stellen fest, dass es in unseren eigenen Leben oder in unseren Freundeskreisen kaum noch so ein auch nur annähernd funktionierendes Konstrukt gibt.

 

„Hier hat ein Mädchen Fotos ihrer Eltern im Portmonee. Ich habe ja keine Freunde, die gut mit ihren Eltern klar kommen.

— Püppi (@Staubprinzessin) 4. Dezember 2014

 

Wir sind Anfang, Mitte, Ende 20 und haben fast alle schon mindestens irgendeinen in unserem Bekanntenkreis durch Suizid verloren, oder kennen zu viele die das ganze lieber auf Raten abfeiern.

 

„Ich kenne mehr Leute, die Selbstmordversuche hinter sich haben, als Kinder geboren haben.“

— Nick Lange (@Nick_Lange_) 2. Dezember 2014

 

Wir bringen ein „Ich liebe dich“ viel zu leicht über die Lippen – oder garnicht.
Ein „Ich hab dich lieb“ war zu oft geheuchelt oder erzwungen – letztes Mittel vor der Eskalation.

Ein paar von uns können es nicht ruhigen Gewissens denken, sagen- noch viel mehr von uns können es nicht hören.

Ein „Du fühlst dich gut an“ ist mitunter der ehrlichste Satz den wir noch fertig bringen.

Wenn wir uns neben irgendjemandem einrollen und schlafen können ist das mehr, als die meisten von uns noch erwarten.

 

Wir fluchen und treten und brechen ein wenn aus diesem letzten kleinen Netz, dass wir noch haben jemand wegbricht.

Und wenn wir endlich genug Scheiße gebaut haben, so viel kompensiert (und überkompensiert) haben dass es doch nicht mehr wehtut, verfluchen wir uns selbst dass wir zu gefühlskalten Arschlöchern geworden sind.
Fragen uns, warum es doch so schnell wieder weiter geht. Denn das können wir. Weitergehen.

Keine Ahnung wofür, keinen Grund und eigentlich auch nicht sonderlich viel Wille. Aber Fahnenflucht war nie eine Alternative. Lieber tausend gelogene B-Pläne als einmal freier Fall.

Und wenn der freie Fall dann kommt stehen viele nicht mehr auf.

 

Die meisten von uns haben auf die eine oder andere Art zugesehen, wie alle um sie herum versagt haben.

Die, die uns hätten zeigen können wie das mit diesem Leben funktioniert können wir nicht ernst nehmen, weil wir schon als Kinder öfter ihre Kämpfe ausgetragen haben als unsere eigenen.
Weil sie jetzt noch vor ihrer Verantwortung und ihren Maßstäben weglaufen, die sie uns aufgehängt haben.

 

Wir führen Leben die uns ankotzen, während wir uns an inneren Maßstäben messen, die wir eigentlich selbst zerbrechen sahen.

Wir haben ihre Ansprüche und Komplexe geerbt, aber nicht mehr ihre Methoden.

Die Generation unserer Eltern hält jetzt noch Kontakt mit ihren Klassenkameraden.

Ich weiß von meinen nicht mal mehr die Namen.

 

Und trotzdem sind wir nicht so isoliert wie wir gern wären.

Wir sitzen eben doch wieder jeden Abend da und warten auf ein Piep von einem Menschen (der uns doch „eigentlich verdammt nochmal völlig egal ist…und überhaupt!“).

 „Du fehlst mir…. und dabei solltest du das nicht einmal..“

— christian (@mahlwerkende) 4.Dezember 2014

 

Wir piepen nicht, weil wir noch gelernt haben keinem auf den Sack zu gehen mit dem, was uns oft genug als „eingebildete Befindlichkeiten“ um die Ohren geschlagen wurde.

 

„Freunde blocken, damit man ihnen nicht mehr auf den Keks geht. Musterbeispiel für soziale Kompetenz.“

— Fuck off (@kawasaki_twr) 5.Dezember 2014

 

Wir wissen dass xy grad ne beschissene Zeit durchmacht und hängen irgendwo zwischen „Fragen was man tun kann“ und „nicht am verdrängen hindern“.

Wir bewerfen uns mit Zeug, mit Infos. Wir warten aufeinander. Passen aufeinander auf. Hoffen, dass uns das keiner wieder wegnimmt.

 

„well….I´m fucked“
— Sara (@ImRozes) 5.Dezember 2014

 

Freunde. Wir sind vielleicht gewaltig am Arsch.
Aber wir sind nicht die Arschlöcher geworden, zu denen sie uns machen wollten.

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4 Antworten zu “Generation Isolation

  1. Hat dies auf ickemich rebloggt und kommentierte:
    „Wir sind eine Generation zwischen Isolation und bedingungsloser Solidarität. Wir denken an Heimat, und fast alle von uns merken, dass wir keine haben.“

    Das ist es dann wohl auch schon. Diese „Zwischengeneration“, zwischen meinem Leben und dem meiner Kinder. Da kann ich dann wohl kaum mitreden. Mach ich aber trotzdem. Ist ja auch kaum erst zwanzig Jahre her, dass ich „Anfang, Mitte, Ende 20“ war.

    Ja, man verliert Menschen im Leben. Meist durch Tod, manchmal auch durch Ignoranz oder Desinteresse. Beiderseits! In dem Alter „Anfang, Mitte, Ende 20“ ist wohl alles gleich schlimm.
    Suizide kommen vor, auch, und immer sind es die Gebliebenen, die sich mit den Fragen quälen werden. Den Fragen nach dem „Warum?“, nach dem „Hätte ich etwas tun können, oder sogar müssen?“, nach dem „Gab es keinen anderen Weg?“. Mit „Anfang, Mitte, Ende 20“ da grübelt man vielleicht noch mehr, als mit Anfang, Mitte, Ende 40, oder wann immer man den Tod als solchen akzeptiert hat. Bei mir persönlich war es mit ungefähr Mitte 30 soweit, dass ich den Sensenmann als Bestandteil des Lebens vollständig anerkannte. Auch meines Lebens. Und es Lebens der anderen. Natürlich.
    Ich erwarte ihn nicht täglich, aber ich weiß, er ist da und wird wieder die Sense schwingen, oder gleich den Mähdrescher anwerfen.
    Dann beginnt man seine verbleibende Zeit, also das Jetzt und Hier, auch mehr wertzuschätzen. Zumindest dann, wenn man noch halbwegs gesund in der Birne ist.
    Soweit sind die meisten dieser „Zwischengeneration“ wahrscheinlich noch nicht, aber das wird.

    Die Schwierigkeiten dieser speziellen Generation, sehe ich natürlich auch. Bei einigen meiner Mitarbeiter. Meist sind es die Jungs und Mädels aus dem Osten der Republik, die recht entwurzelt auswuchsen. Meine Eltern waren schon zu alt, um so richtig zu entwurzeln, und das an mich weiterzugeben. Und ich selbst war alt genug, eigene neue Wurzeln zu bilden.
    Das trifft auf die Nachwendegeborenen nun oft nicht zu. Nicht mehr. Elternhäuser, die viel Zeit mit Selbstfindung, Selbstneuerfindung verbrachten, statt mit den Kindern. Freundeskreise in ähnlicher Problemgemengelage. Das Heranwachsen im unteren sozialen Mittelfeld, wenn überhaupt. Die Versuchungen und Versprechungen der Glitzerglitterumwelt.

    Ja, soziale Ungewissheit und/oder Not, auch die gefühlte, kann krank machen. Natürlich. Nicht unbedingt nur körperlich.
    Nein, ich denke nicht, dass alle Geburtsjahrgänge ab 1990 auf ehemaligem DDR-Gebiet aus potentiellen Psychopathen bestehen. Aber oft wurden eben keine Rituale mehr in der Kindheit gelebt, die Werte festigen konnten. Dies musste und muss diese Generation sich dann selbst erarbeiten. Von klein an, mit einer wenn überhaupt, nur sehr dünnen Grundlage. Mit mehr oder weniger mäßigem Erfolg. In jedem Fall mit viel Kraft.
    Und ja, es gibt da wohl auch ein paar Ausnahmen.

    Auch im „goldenen Westen“ ist es genau diese Generation, diese Zwischengeneration, die sich bisweilen mit vielen trübsinnigen Gedanken herumträgt.
    Auch hier ist es dann oft das Elternhaus (geboren um die Mitte bis Ende der sechziger Jahre), die wiederum von ihren Eltern (Stichwort: 68er) eher wirren Ideologiekram, denn handfestes Lebensrüstzeug mitbekamen. Keine Mehrheit in meinem Umfeld, aber mithin auch vorhanden.

    Ich hoffe für alle, die es betrifft, dass sie trotzdem ein Leben leben können. Ihr Leben. Wahrscheinlich das einzige, was sie haben.
    Und lieben lernen, echt lieben. Wertschätzen und respektieren lernen. Mit Anstand. Das sie ehrlich werden, oder bleiben. Nicht nur zu anderen. Es genießen, irgendwann.

    Und dass sie dies alles vor ihrem Tod noch weitergeben können. Zumindest einen Teil davon.

    Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: 60 – Wurzeln | Flaggenfetzen

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