115 – Das Internet


(Baendit – Teilzeitschizophren ft. Littarist & Tim Bleil)

 

So, wieder wurde ein Stichwort für den Blogideenkasten gezogen, und wieder ist es ein Thema zu dem ich viel zu sagen habe.
Heute soll es also um das Internet gehen. Genauer gesagt, um dessen Einfluss auf unser Leben.
Fangen wir also an.

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Bei mir ging das mit der exzessiven Internetnutzung so gegen 1999 oder 2000 los.
Und da kam auch schon einer der größten Verdienste, die das Internet für mich je hatte:
Chats.

Ich war damals Stammhörer einer regionalen Radiosendung, die schon damals damit angab relativ interaktiv zu sein.
Die hatten (und haben) einen Chat auf Spin.de (damals noch Spinchat ^^) – Minidela wuselte da also rein, und irgendwie waren die da alle cooler als die meisten RL Menschen.
Du hattest erstmal ne brauchbare Chance auf nen brauchbaren ersten Eindruck als Mensch, wurdest nicht gleich vom ersten Besehen als Behinderte katalogisiert.
Ich hab nie ein Geheimnis draus gemacht, aber der erste Eindruck ist einfach ein anderer, wenn du erst als Person mit großer Fresse und DANN als Rollstuhlfahrer wahrgenommen wirst.

In besagtem Chat lernte ich dann auch den (jetzt) Lieblingsnachbar kennen.
Es kam wies kommen musste, man traf sich auf dem Zwickauer Stadtfest zum Liveauftritt besagter Radiosendung.
Vor einem Burgerking, den es heut garnicht mehr gibt.

Man erkannte sich, und plötzlich wurde ich umarmt, und noch ohne meine Eltern eines Blickes zu würdigen wurde ich geschnappt und den anderen Stammhörern vorgestellt.
Ohne Befindlichkeitsgetue, ohne Berührungsängste, ohne Theater. Etwas, dass ich vorher so auch noch nie erlebt hab.
Er ist immernoch einer der wichtigsten Menschen meines Lebens, hat mich in beschissensten Zeiten erlebt und war für jeden Aufschwung zumindest teilweise verantwortlich.

Selbiges gilt für einen weiteren wichtigen Menschen in meinem Leben, Chris.
Ihn lernte ich ungefähr n halbes Jahr später kennen, lustigerweise wegen einer Unterhaltung die daraus entstand, dass er mir nicht glauben wollte, dass wir die selbe Erkrankung haben.
Man unterhielt sich, er merkte dass ich ihn nicht verarsche, man freundete sich an. Man hielt den Kontakt, jahrelang. Verlor sich aus den Augen, nur um sich wiederzutreffen und sich in ne Beziehung zu stürzen die die richtige Idee zur falschen Zeit war. Er ist mittlerweile mein Ex, aber trotz all der Scheiße die wir uns in den 14 Jahren so gegenseitig angetan haben sind wir immernoch Freunde die aufeinander zählen können wenns brennt.

 

Auch jetzt ist das Internet der wahrscheinlich größte Generator für RL Freunde und Bekanntschaften, ja auch für Beziehungen.

Twitter hat mir wahnsinnig tolle Menschen gezeigt, und auch mit denen, mit denen ich noch kein Bier trank, will ich es eines Tages.
Da helfen sich Menschen gegenseitig. Ohne sich zu kennen. Ohne etwas zu erwarten. Schenken sich Dinge. Schenken sich Liebe. Vertrauen sich gegenseitig, hören einander zu.
Wachen übereinander, ohne zu ÜBERWACHEN.
In richtig beschissenen Zeiten hab ich mich nur ausm Bett gehievt, weil ich wusste dass da Leute sind, die auf ein Piepsen oder einen Krabbenburger warten. Der Mensch braucht Leute, die auf einen warten. Und wenns nur kleine Minibildmenschen in irgendeinem Bildschirm sind, wenn man sonst nix hat.

Ja, das Internet weiß viel über mich. Nein, das Internet hat das, was es über mich weiß seltener gegen mich gerichtet als mein sonstiges natürliches Umfeld.

 

Aber auch abgesehen vom Einfluss auf das Sozialleben hat das Internet einen riesigen Impact.

Einerseits die Möglichkeit zur Bildung. Ich bin Dorfkind.
Die Schulbibliothek war dünn, der Weg zur nächsten Bibliothek war weit und mit Bettelei bei den Eltern verbunden.
Dann kam das Internet und Projekt Gutenberg. Statt nur Stephen King, Hohlbein und anderer Trivialliteratur las ich plötzlich mit 13, 14 Nietzsche und Byron.
Ich druckte aus und verschanzte mich mit Textmarker, Notizblock und Ausdrucken in meiner Höhle.
Ich lernte vergleichendes Lesen.
Ich erweiterte meinen Wortschatz, im Deutschen und im Englischen.
Ich lernte wissenschaftliches Arbeiten.
Ich lernte Exzerpierung, noch bevor ich irgendwas damit zu tun gehabt haben müsste.
Das Internet war ein Grund, weshalb ich Literatur studiert habe.

Heute sind es vorallem die Podcasts.
Ich habe seit dem ich diese tolle Erfindung in mein Leben integriert habe nicht nur tolle Menschen kennengelernt, sondern auch meinen Horizont verbreitert.
Ich beschäftige mich mit Technik.
Ich scheitere daran mir eine Häkelsoftware in Logo zu basteln.
Ich kann mittlerweile mit Stichworten etwas anfangen, die früher Hexerei waren.
Ich lerne neue Lebenskonzepte kennen, die zwar nicht meins sind und vielleicht auch nicht mit mir kompatibel, aber völlig akzeptabel sind.
Ich lerne zu reflektieren, kann mich mit Vergleichsgruppen messen die ich sonst nie kennengelernt hätte.

 

Der letzte, aber wahrscheinlich wichtigste Einfluss den das Netz auf mein Leben hat ist aber wahrscheinlich folgender:

Das Internet erlaubt mir ein selbstständiges, selbstgewähltes und nicht fremdbestimmtes Leben.
Durch das Internet habe ich Wohnungen gefunden. Unterstützung, Informationen über Dinge die ich brauche.
Durch das Internet kann ich alleine wohnen, weil ich hier Leute kennengelernt habe, die ich nach Hilfe fragen kann, wenn irgendwas kaputt ist.
Durch das Internet kann ich meine Finanzen machen ohne ständig auf Taxi oder Fahrer angewiesen zu sein, die mich zur Bank bringen.
Durch das Internet kann ich meinen Häkelkram unter Leute bringen und mir dafür Gummibärchen schenken lassen.
Das Internet bringt mir Nahrung, Schmerztabletten, Klamotten, Tabak, alles.
Ich drucke meine Briefmarken aus, lasse meine Pakete übers Internet abholen.
Ich muss niemanden mehr fragen ob er mich in die Stadt fahren kann damit ich meinen Wocheneinkauf machen kann.

 

Das Internet ist mein Kino, mein Radio, meine Bibliothek und meine Lieblingskneipe.
Es schützt mich vor materieller Verarmung (wisst ihr eigentlich wie teuer son Taxi ist?) und vor allzu üblem Hüttenkoller.
Ich muss keinen mehr anbetteln.
Ich bin größtenteils unabhängig von Leuten, deren Zuverlässigkeit zweifelhaft ist.
Wenn etwas nicht funktioniert, kann ich den Anbieter wechseln.
Es ist ein Geschäft, und beinhaltet keine drohenden Predigten über Dankbarkeit und Gönnerei.

 

Was ich damit sagen will. Ich hab vielleicht einen verklärten Blick auf diese ganze Sache, und selbstverständlich hat das Internet Risiken und Versuchungen.

Die hat das echte Leben aber auch.
Der Punkt ist der, ohne Internet wäre mein Leben ein anderes, und mit absoluter Sicherheit kein besseres.
Der Rest ist eine Frage der Charakterfestigkeit, Menschenkenntnis und der Schwerpunktsetzung.

Wenn du das nicht kannst bist du im „echten Leben“ genauso schnell in Schwierigkeiten.

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