Verbitterung

Ich hab heute mit Oma telefoniert.

Alles war gut und flauschig und okay. Irgendwann sagte sie, sie habe ein altes Lesezeichen von mir gefunden. Und wie lange das her sei. Und dass ich ¨damals noch nicht so verbittert war¨.

Irgendwie krieg ich den Satz nicht aus dem Hirn seitdem. Bin ich denn wirklich so verbittert? Ich halte mich nicht für verbittert. Wirklich nicht.
Im Gegenteil, ich glaube, in der Beziehung war ich früher schon viel näher am umkippen als heute.

 

Die letzten Jahre waren zu großen Teilen sehr beschissen.

Das weglaufen. Das wie ein Versager fühlen. Das Hände reichen und das weggeschickt werden.

Die Predigten über Dankbarkeit für Dinge, die nie guter Wille sondern immer nur Feigheit waren.

Die Predigten über die Lügen, obwohl man ja doch nur noch mehr Eskalation erntete wenn man mal ehrlich war.

Das Schein wahren.

Das ¨es wird schon wieder, ich brauch keine Hilfe¨ und die folgende Totaleskalation.

Die Erkenntnis von Dritten, die zu spät kam und noch immer ohne Konsequenzen bleibt.

Die Feigheit und die Selbstgerechtigkeit aller Beteiligten.

Das abwechselnde Kleinreden und Hochspielen, je nachdem wer fragt.

 

Das ¨WIR haben es doch wieder hinbekommen.¨

WIR haben einen Scheißdreck hinbekommen. Es gab kein WIR. Es gibt kein WIR.

Jeder von uns blieb alleine mit all dieser Scheiße und ist es noch.

Wir blieben stehen weil wir mussten, und IHR habt euch dafür gefeiert.

 

Einigen von uns fehlen ganze Jahre in der Erinnerung.

Gültig waren nur eure Wahrheiten und eure Methoden.  Was nicht sein darf, ist nie so gewesen.

Sätze sind nie gefallen, Dinge nie passiert.

Fehler wurden nie gemacht.

Ein Eingreifen war nie nötig.

Ihr fangt neu an und lasst unter den Tisch fallen was nie war. Wir bauen aus euren Scherben neue Leben.

Ich bin nicht verbittert. Verbittert wäre ich vielleicht wenn diese Scheiße jemals ein Ende hätte.

Aber das hat es nicht.

Denn egal mit wem von euch wir reden, ihr lasst uns immernoch eure Kriege führen. Und egal mit wem wir reden, wir rechtfertigen es. Verteidigen eure Dummheit und unsere.

Weil sichs so gehört?

 

Trotz alledem.

Ich bin nicht verbittert.

Mich ekelt der eine oder andere Gedanke, ja.

Und ziemlich oft bleibt mir außer Verachtung nicht viel übrig.

Wütend bin ich schon lang nicht mehr.

 

Aber ich bin nicht verbittert.

Ich hab Spaß am größten Krempel.

Ich kann mich immernoch über und auf Kleinstkram freuen.

 

Ich kann immernoch niemanden zurücklassen.

Ich kann immernoch einen Raum betreten und ruhigen Gewissens die Toleranz des Überlegenen raushängen.

Ich kann immernoch Scheiße zu Gold machen.

Ich kann immernoch Glück bringen.

 

Ich verbringe immernoch meine Zeit lieber mit dem Abschaum dieser Menschheit als mit euch.

Ich kann immernoch mein letztes Bier und mein letztes Essen mit Menschen teilen.

Ich kann immernoch Menschen den Rücken zudrehen.

Ich kann immernoch mit fremden Menschen besser pennen als allein.

Ich kann immernoch in Spiegel schauen.

 

Ich kann mir mittlerweile Totalausfälle leisten.

Ich kann Leute aus tiefstem Herzen liebhaben.

Ich kann immernoch für Leute grinsend in Kreissägen springen und euch für eure Feigheit auslachen dabei.

Ich kann mich immernoch als Idiot bezeichnen lassen, wenn ich zu Leuten halte die anders reagieren als sie sollten        – ohne die Segel zu streichen.

Ich kann noch Zweifel ertragen ohne zu kapitulieren.

 

 

Ihr macht mich vielleicht zum Idioten.

Zum Verräter macht ihr mich nicht.

 

Und so lang bin ich nicht verbittert.

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